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Aktuelles aus Hünfeld

Drei Künstler, viele Bewunderer

Hünfeld. Volles Haus bei der Vernissage im Museum Modern Art: Gleich drei große Vertreter der Konkreten Kunst präsentieren ihre Arbeiten derzeit in Hünfeld und stellten sich den Fragen von Anke Zimmer, Leiterin der Kulturredaktion der Fuldaer Zeitung. Eugen Gomringer, Diet Sayler und Josef Linschinger sprachen dabei über ihre Verbindung zu Museumsgründer Jürgen Blum, Hünfeld als Kunststadt und erklärten ihre Kunstwerke.

„Wir sind stolz, diese drei großen Vertreter der Konkreten Kunst und Konkreten Poesie zum ersten Mal in drei Sonderausstellungen präsentieren zu können“, sagte Kurator Günter Liebau. Sie alle seien im Offenen Buch der Stadt Hünfeld vertreten, von Gom-ringer steht sogar eine Skulptur am Kreisel vor der Hünfelder JVA. Und sie alle ver-bindet die Freundschaft zum Hünfelder Künstler Jürgen Blum, der 2015 verstarb.

Vor rund 30 Jahren kreuzten sich die Wege von Blum und den drei ausstellenden Künstlern. Gomringer erinnert sich, dass die Verbindung zwischen Blum und ihm gleich gepasst hat. „Ich war der Konkrete Poet, er hat mich sehr hofiert und fand es wunderbar, dass ich existiere“, sagte der 94-Jährige lachend. Er schätze auch den Kontakt über Blum mit der Stadt Hünfeld. Das Bindeglied zwischen Sayler und Blum ist die Vergangenheit, erklärte der 79-Jährige. Beide hätten 30 Jahre eine parallele Entwicklung genommen – Blum in Polen, er in Rumänien.

Dass die Kleinstadt Hünfeld ein Begriff ist, wenn es um Konkrete Kunst geht, machten auch die drei Künstler deutlich. „Blum hat hier einen Ort der Wirkung gefunden. Hier hatte er eine große Anhängerschaft und er hatte das Charisma, Leute zusammenzu-führen“, erklärte Sayler. Für eine spezielle Kunstform wie die Konkrete Kunst sei eine kleine Stadt wie Hünfeld ein Vorteil, hob auch Linschinger hervor. In Frankfurt oder Berlin ist die Konkrete Kunst eine unter vielen.

In Schlagworte verpackt ordnete Anke Zimmer Sayler den „öffentlichen Raum“ zu, Gomringer die „Worte“ und Linschinger „Zahlen/Mathematik“. Doch wie sind sie zur Kunst gekommen? „In der Midlife-Crisis“, erklärte Linschinger. Die Konkrete Kunst sei ein Weg für ihn in dieser Zeit gewesen. Auch wenn er mit Zahlen in seinen Kunstwer-ken arbeitet, sei er selbst ein schlechter Mathematikschüler gewesen. Gomringer be-richtete, dass er als junger Mann im Schaufenster einer Galerie in Zürich Bilder mit fünf gleichlangen Linien gesehen habe – Konkrete Kunst. Wenn das in der Kunst mög-lich sei, müsste das auch mit Sprache gehen. „Der Poet hat sich zur Kunst bekannt und die Kunst zum Poeten“, erklärte der Begründer der Konkreten Poesie. Sayler fand aus Opposition zur politischen Realität und zur Doktrin des sozialistischen Realismus den Weg zur Konkreten Kunst. „Wir sind alle kulturell bedingt, wachsen auf und reagie-ren darauf“, hob Sayler hervor.

Den Besuchern gaben die drei Künstler einen Einblick in die Entstehung eines ihrer Kunstwerke. Gomringer wählte sein Kunstwerk „Wind“. Wind sei erstmal ein Wort, Wind blase in verschiedene Richtungen, so auch die Buchstaben auf seinem Kunst-werk. „Es ist der Versuch, eine Windrose zu zeigen“, unterstrich Gomringer. Man kön-ne es von links nach rechts und umgekehrt lesen. „Kunst müsste fähig sein, ihre Ge-danken übertragen zu können“, betonte der 94-Jährige.

Sayler verdeutlichte, dass Bilder auf weißen Wänden fast immer schön seien. Ein gu-tes Bild müsse sich aber auch in der realen Umwelt behaupten – beispielsweise auf Ruinen wie dem Nürnberger Colosseum. „Ich möchte meine Kunst herausnehmen aus dem Akademischen“, sagte er. Das macht er mittels digitaler Installationen. Lin-schinger übersetzte die drei Zeilen eines seiner Barcode-Werke. Sie bedeuten: „Ge-meinsam mit Gomringer.“

Thematisiert wurde auch Gomringers Gedicht „Avenidas“ aus dem Jahr 1951. Vor einem Jahr entbrannte eine Sexismus-Debatte aufgrund des Gedichtes, das in Berlin auf der Fassade eines Hochschulgebäudes angebracht war. Aufgrund einer fragwür-digen Initiative des AStA der Salomon-Hochschule wurde der spanische Text von der Hauswand entfernt, bei dem es übersetzt um Straßen, Blumen, Frauen – und einen Bewunderer geht. Das Gedicht sei ein schönes Bild, das man bei einem Spaziergang sehe, sagte Gomringer. Das habe er auch in Hünfeld gesehen, als er das Hotel verlas-sen habe: Frauen, Straßen, Blumen – und er selbst als Bewunderer.

Zu Beginn betonte Stiftungsvorsitzender Bürgermeister Stefan Schwenk, Gomringer, Sayler und Linschinger seien dem Hünfelder Museum seit Jahrzehnten in besonderer Weise verbunden und er bezeichnete die Ausstellung als eine der ganz besonderen Art. Musikalisch untermalt wurde die Vernissage vom Duo „Sunny vibes“ mit Pia-Maria Sauer und Wolfgang Harling. „Gomringer, Linschinger, Sayler“ ist eine Ausstel-lung der Stiftung Museum Modern Art Hünfeld – Sammlung Jürgen Blum und noch bis Sonntag, 29. September, zu sehen. Sie findet innerhalb des Kultursommers Main-Kinzig-Fulda statt und wird gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, unterstützt von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

 

Die Künstler:

Eugen Gomringer (geboren 1925 in Bolivien) gilt als Begründer der Konkreten Poe-sie, die seit den 50er Jahren im Zentrum seines künstlerischen Schaffens steht. Er prägte den Begriff in Analogie zum Begriff der Konkreten Kunst. Gomringer ist in be-sonderer Weise dem Museum Modern Art verbunden und einer der Mitinitiatoren des Offenen Buchs der Stadt Hünfeld. Sein Gedicht „Avenidas“ aus dem Jahr 1951 gilt als Klassiker der Konkreten Poesie und als Anschauungsbeispiel für die von Gomringer entwickelte Technik der Konstellation. Vor einem Jahr sorgte dieses Gedicht an der Wand einer Berliner Hochschule für eine Sexismus-Debatte. In Hünfeld ist ein Platz nach dem Poeten benannt: Professor-Eugen-Gomringer-Platz – der Kreisel vor der Justizvollzugsanstalt. Dort ist seine Skulptur „Vokale“ zu sehen.

Diet Sayler (geboren 1939 in Rumänien) fand aus Opposition zur politischen Realität und der Doktrin des sozialistischen Realismus den Weg zur Konkreten Kunst. Sayler emigrierte 1973 nach Deutschland. Von 1992 bis 2005 war er Professor an der Aka-demie der Bildenden Künste Nürnberg und ist unter anderem in der Kunstsammlung des Museums Of Modern Art in New York vertreten. In seiner künstlerischen Arbeit und seiner Ausstellungstätigkeit haben sich die Wege von Sayler und Jürgen Blum immer wieder gekreuzt.

Josef Linschinger (geboren 1945 in Österreich) gehört zu den Hauptvertretern der Konkreten Kunst sowie der visuell-konzeptuellen Poesie in Europa und hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Linschinger hatte seit 1981 über 60 Einzelaus-stellungen sowie mehr als 500 Ausstellungsbeteiligungen in den meisten europäischen Ländern sowie Israel, Japan, Kanada, Korea, Südafrika, der Sowjetunion und den USA. Seit Ende der 80er Jahre arbeitete er lange Zeit intensiv mit Jürgen Blum zu-sammen und war oft an dessen Projekten und Ausstellungen beteiligt. In seinem um-fangreichen Werk beschäftigt sich Linschinger immer wieder mit den Themen Zahlen, Flächen, Farben, Codes, Text, Raum und Zeit. Seine Werke unterliegen meist stren-gen mathematischen Regeln und sie entstehen systematisch.

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