Nur wenige überlebten das Grauen

KZ-Häftlinge am Bahnhof verladen

Unter den 360 Häftlingen waren 29 Juden, aber auch Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Regimegegner und andere den NS-Schergen missliebige Menschen, die einer unvorstellbaren Tortur auf dem viertägigen Marsch von Frankfurt über Fechenheim und Dörnigheim, auf der Reichsstraße 40 nach Hanau und weiter über Langenselbold, Gelnhausen und Fulda nach Hünfeld getrieben wurden. Schon kurz nachdem der Leidensmarsch in Hanau die Stadt hinter sich gelassen hatte, wurden die ersten 24 Kranken und nicht gehfähigen Gefangen brutal erschossen.
Zeitgenössische Quellen berichten darüber, dass entlang der Strecke noch bis in die 60er Jahre Leichen in Gräben, Hecken und Senken gefunden wurden, die anhand ihrer Kleidung mit Häftlingsnummern oder Erkennungsmarken diesem Todesmarsch zugeordnet werden konnten. Auch bei Rückers und Nüst wurden nach Berichten des späteren Bürgermeisters Kollmann aus Rückers sechs Gefangene offensichtlich erschossen, da sie angesichts der Strapazen und vier Nächte währenden Marschtortour ohne Essen und in spärlicher Kleidung nicht mehr weitergehen konnten.
Die Zahl der Gefangenen soll in Rückers nach den Erinnerungen des Bürgermeisters nur noch 60 bis 70 betragen haben. Die Gedenkstätte des KZ-Lagers spricht dagegen von 240, die in Hünfeld angekommen sein sollen. Aus den Friedhofsunterlagen der damaligen Gemeinde Rückers geht hervor, dass der seinerzeitige Bürgermeister die Opfer auf dem Friedhof hatte bestatten lassen. Pater Bleuel, der aus dem Hünfelder Kloster vertrieben worden war, und einige Rückerser gaben den Opfern das letzte Geleit, wie Kollmann an den Landrat in Hünfeld schrieb. Die Leichen wurden später auf Veranlassung des Kreises Hünfeld zusammen mit gefallenen Soldaten exhumiert und in Hünfeld beigesetzt.
Auch in Hünfeld selbst gab es noch einen Vorfall, von dem eine mittlerweile verstorbene Anwohnerin am Niedertor berichtete. Einer der Teilnehmer des Marsches hatte auf einem Misthaufen Kartoffelschalen entdeckt und wollte seinen schmerzenden Hunger damit stillen. Noch bevor die Bewacher ihn ermorden konnten, wurde er von einem fanatisierten Hitlerjungen mit seinem Tesching, einer kleinkalibrigen Langwaffe, erschossen.
Ein damals noch sehr junger Hünfelder Eisenbahner, der bei der Beladung der Viehwaggons Zeuge wurde, berichtete, dass schon einige Güterzüge mit Juden in Hünfeld Halt gemacht hatten, vermeintlich auf dem Weg zur „Umsiedlung“, tatsächlich aber in die Vernichtungslager. Aber „so erbärmlich“ wie diese erschöpften und ausgehungerten Gestalten hatte er noch keine gesehen.
Die Verantwortlichen für dieses grauenhafte Geschehen konnte zwar ermittelt werden, vor einem Gericht zur Rechenschaft gezogen wurde allerdings keiner von ihnen. Von den 360 Männern, die aus dem KZ „Katzbach“ in Frankfurt in den Adler-Werken Zwangsarbeit geleistet hatten und auf diesen „Todesmarsch“ geschickt wurden, lebten bei der Befreiung der Konzentrationslager durch die US-Armee nur noch 40.
An diesen Todesmarsch aus den Frankfurter Adlerwerken erinnert heute in Hünfeld eine eigene Gedenktafel neben der Gedenktafel für die Opfer des Bombenangriffs auf Hünfeld in der Bahnunterführung, die 2014 angebracht wurde. Auch das Kunstwerk „Rückkunft“ von Ulrich Barnickel, das seinerzeit von der Stiftung „MuT“ initiiert worden war, vor dem Treppenabgang zur Unterführung thematisiert dieses unmenschliche Verbrechen.     Zum stillen Gedanken an die Opfer dieses Todesmarsches wird Erste Stadträtin Martina Sauerbier am Samstag, 29. März, um 13 Uhr gemeinsam mit Vertretern des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-45 am Bahnhof ein Blumenbukett niederlegen.